Pete Ladstätter ist ein Mann der großen Taten – und einer, der auf dem Berg ganz genau weiß, was er tut: Seit 30 Jahren ist Pete bei der Bergrettung in Osttirol aktiv. Er hat zahlreiche Leben gerettet. Bescheidenheit und Konzentration zählen zu seinen Stärken. Er ist ein Anpacker mit ganz viel Mut und einem großen Herz.

4.200 Mitglieder zählt die Tiroler Bergrettung. Als Bezirksleiter und Bezirkseinsatzleiter (Bezirk Lienz, Osttirol) mag Pete alles, was mit den Bergen und der Natur zu tun hat. Er nimmt sich gerne Zeit für die „wichtigen Dinge im Leben“, wie er selbst sagt. Im Interview mit ZANIER spricht er über persönliche Erfahrungen, Highlights und Ängste…

© Martin Lugger

ZANIER: Lieber Pete, wie bist du zur Bergrettung gekommen und was fasziniert dich an deinem Job?

Pete: Am 31. Dezember 1985 unterstützte ich die Bergrettung St. Jakob bei einem Lawinensucheinsatz. Damals kam ein einheimischer 13-Jähriger ums Leben. Auf der einen Seite war die erdrückende Stille, der unvorstellbare Schmerz, hilflos vor einem toten Jugendlichen zu stehen und dessen Eltern leiden zu sehen. Ich hab mich lange Zeit mit hundert tausend Fragen auseinander gesetzt. Mehr und mehr ist damals der Wunsch in mir gereift, aktiv in die Bergrettung einzutreten, um Menschen, welche im alpinen Gelände in Bergnot geraten, zu helfen. Ich habe damals 3 Jahre an Übungen und Ausbildungen teilgenommen bis ich dann 1989 als vollwertiges Mitglied in die Ortsstelle aufgenommen wurde. Faszinierend finde ich die Kameradschaft, das gegenseitige Vertrauen und die besondere Ergänzung machen die Schlagkraft der Bergrettung aus.

ZANIER: Was war dein (größter) privater Gipfelsieg bisher?

Pete: Ich habe die klassischen Gipfeln unserer Heimat erklommen, doch die schönsten Touren findet man auf den „stillen Gipfeln“. Es ist wie im richtigen Leben, der Gipfel ist jener Platz auf deinem Weg, an dem du am wenigsten Zeit verbringst, viel bedeutender ist der Weg dorthin und wieder zurück.

ZANIER: Bei den Einsätzen auf dem Berg bist du stets live dabei: Was war dein spektakulärstes Erlebnis bisher oder dein schwierigster Einsatz?

Pete: Spontan fällt mir hier der Katastropheneinsatz in den Abruzzen ein, bei dem 29 Menschen starben, 4 davon waren kleine Kinder. In Erinnerung ist mir auch der schwierige Sucheinsatz am Großglockner im Jahr 2010 geblieben, bei dem 3 polnische Bergsteiger ums Leben kamen. Aber der für mich schwierigste und wohl auch der belastendste Einsatz war der Hubschrauberunfall am 29. April 2012 am Großvenediger bei welchem einer unserer besten Einsatzleiter und mein persönlicher Freund Franz Franzeskon sein Leben verlor. Dieser Einsatz begleitet mich immer noch und wird es vermutlich auch weiterhin tun. Auf der anderen Seite durfte ich bisher bei 6 Lebensrettungen dabei sein, dafür bin ich sehr dankbar, auch dass ich viele einzigartige Menschen in besonderen Situationen kennen und schätzen gelernt habe.

ZANIER: Wie behältst du in schwierigen Situationen einen kühlen Kopf?

Pete: Die Bergrettung ist keine „One Man Show“, das heißt, du bist nie allein. In schwierigen Situationen beraten wir uns untereinander und treffen gemeinsame Entscheidungen.

ZANIER: Gab es auch mal eine kuriose Rettung?                     

Pete: Ich kann mich an einen Lawineneinsatz erinnern, bei dem ein deutscher Snowboarder verschüttet  und erst rund 2 Stunden später von uns geortet und ausgegraben wurde. Beim Ausgraben ragte plötzlich eine Hand vor mir aus dem Schnee, nach dem ich dem Rest der Einsatzmannschaft zurief, dass wir ihn gefunden hatten drehte ich mich zurück und konnte sehen wie sich die Hand langsam öffnete und wieder langsam zur Faust ballte. Ich rief ganz aufgeregt meinen Kameraden zu: „Er lebt!“ Zwei oder drei Schaufelhübe später schob ich ihm die Mütze mit der Schaufel zurück, ich legte die Schaufel zur Seite und befreite mit meinen Händen sein Gesicht vom Schnee. Es war klamm gefroren – eine leichte Blaufärbung der Haut auf Grund des Sauerstoffmangels war zu sehen, er sah mich mit großen Augen an und stotterte: „Alter Schwede – wo warst du so lange?“ Der junge Mann lebt heute in der Schweiz, ist verheiratet und hat zwei gesunde kleine Kinder.

ZANIER: Wie viele Menschen geraten in den Tiroler Bergen pro Jahr tatsächlich in Notsituationen? Wie oft müssen die Bergretter ausrücken?

Pete: Im letzten Jahr gerieten 1.935 Menschen im alpinen Tiroler Gelände in Bergnot. Tirol weit musste die Bergrettung zu 1.240 Einsätzen ausrücken, dies entspricht rund einem Drittel aller alpinen Einsätze Österreichs. Leider verloren 292 Menschen im letzten Jahr ihr Leben in Österreichs Bergen. In Osttirol rückten wir zu 116 Einsätzen aus.

ZANIER: Hast du einen Tipp für Wanderer, den sie in den Bergen unbedingt beachten sollten?

Pete: Ich denke, jede Wanderung bzw. Tour oder Hochtour, bedarf einer guten Tourenplanung, zu dieser zählen: Ich plane Touren, welche meiner körperlichen Verfassung angepasst sind. Ich besorge mir vorher sämtliche Informationen bezüglich des Wetters sowie vernünftige Bekleidung und der Tour angepasstes Schuhwerk. Das gehört zu den Basics. Auch ein richtig gepackter Rucksack mit kleiner Erste-Hilfe-Tasche, Stirnlampe, Feuerzeug sind wichtig. Atmungsaktive, schweißsaugende Unterwäsche, einen Regenschutz, eine Mütze und Handschuhe (auch im Sommer),  genügend zu trinken und etwas zu Essen, dürfen nicht fehlen. Ein aufgeladenes Handy und das Wissen einer Notrufnummer sind unumgängliche Begleiter. Wer sich in den Bergen immer in einem „Wohlfühl-Modus“ bewegt und sich genügend konditionelle Reserven für den Rückweg bewahrt, wird viele schöne und sichere Touren erleben.

Der Gipfel ist jener Platz auf deinem Weg, an dem du am wenigsten Zeit verbringst, viel bedeutender ist der Weg dorthin und wieder zurück.